„Brandenburg muss aufpassen, dass es nicht abgehängt wird“

Fahrradfahren in Brandenburg macht Spaß. Der ADFC Brandenburg e.V. setzt sich dafür ein, dass Radfahren zwischen Prignitz und Spreewald noch sicher wird. Über das Engagement des Vereins sprach der Wochenspiegel mit Stefan Overkamp. Der 47jährige Biologe und Marketingmanager lebt in Teltow und ist seit 2018 Landesvorsitzenderdes ADFC Brandenburg.

Herr Overkamp, Sie leben in Brandenburg und sind selbst Radfahrer. Für wie fahrradfreundlich halten Sie das Land Brandenburg und wie sicher fühlen Sie sich hier als Radfahrer?

Brandenburg bietet tolle Voraussetzungen für Radfahrer: Wunderschöne Landschaften, interessante Städte, eine weitgehend flache Topografie und als Sahnehäubchen noch den Verflechtungsraum mit Berlin. Vor allem der ländliche Raum ist mit touristischen Radwegen gut erschlossen. Und zumindest in den größeren Städten, voran die Landeshauptstadt Potsdam, hat sich in den letzten Jahren viel in die richtige Richtung bewegt.
Aber Radfahren gehört hier nicht im gleichen Maße zur Alltagskultur, wie ich es aus dem Münsterland kenne. Mein Umzug hierher vor 17 Jahren war diesbezüglich ein echter Kulturschock. Man merkt das sowohl an der Einstellung von Politikern und Planern, der daraus resultierenden Gestaltung der Verkehrsflächen, am Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmer, aber auch am Verhalten vieler Radfahrer selbst. Allerdings hat sich in den vergangenen Jahren da einiges verbessert.
Ich selbst fühle mich als Radfahrer sehr sicher, denn ich praktiziere einen selbstbewussten, defensiven und vorausschauenden Fahrstil. Brandenburg liegt aber auch den Zahlen nach unauffällig im Mittelfeld der Bundesländer, wenn es um die Unfallhäufigkeit geht.

Wo im Land Brandenburg sind Sie persönlich am liebsten unterwegs? Begründen Sie bitte.

Ich selbst bin zunächst mal vor allem dort gerne unterwegs, wo ich von zuhause aus gleich losradeln kann. Also die Havelseen um Potsdam/Berlin zum Beispiel.
Andere tolle Ziele für mich sind der Fläming-Skate oder auch die Gegend um Eisenhüttenstadt mit dem Oder-Neiße-Radweg und dem Schlaubetal. Alles sehr gut für Radfahrer erschlossen, attraktive Wege, guter Ausbauzustand, abseits des KfZ-Verkehrs, tolle Landschaft, Kultur und Gastronomie. Demnächst will ich mal entlang von Havel und Elbe von Teltow nach Hamburg fahren.

Der Radverkehr hat in Brandenburg einen Anteil von 13 Prozent am Gesamtverkehr. Wie steht Brandenburg damit im Bundesvergleich da, und wie zufrieden sind Sie als ADFC damit?

Man muss mit solchen Zahlen immer ein bisschen vorsichtig sein. Diese stammt aus der Studie „Mobilität in Deutschland“ von 2008 und basiert auf Befragungen, nicht auf Messungen.
Im Vergleich zu anderen Ländern übertrifft Brandenburg mit 13% Radverkehrsanteil den Bundesdurchschnitt von 10 %. Und immerhin nutzen 25 % der Brandenburger ihr Rad täglich.
Als ADFC glauben wir aber, da ist noch reichlich Luft nach oben. Wir streben eine Verdoppelung des Radverkehrsanteils auf 26% bis zum Jahre 2030 an. Das brauchen wir schon alleine deshalb, um bei weiter zunehmendem Verkehr diesen möglichst sicher, effizient und umweltfreundlich abzuwickeln.

Auf Ihrer Mitgliederversammlung im April haben Sie einen Forderungskatalog an die Landesregierung verabschiedet. Wie hat die Landesregierung bzw. der Verkehrsminister auf den Forderungskatalog bisher reagiert?

Entsprechende Gespräche stehen noch aus.

Sie fordern, die Mittel zur Förderung des Radverkehrs auf 50 Millionen Euro aufzustocken. Wie hoch war die Summe bisher, und was fordern Sie darüber hinaus?

Im letzten Jahr hat das Land Brandenburg nach eigenen Angaben rund 11 Mio EUR investiert. Im Jahre 2010 waren es aber auch mal 20 Mio EUR. Berlin will jetzt für die Maßnahmen im Rahmen des Radgesetzes 50 Mio EUR im Jahr in die Hand nehmen. Da muss Brandenburg aufpassen, dass es nicht – wörtlich - abgehängt wird.
Brandenburg hat mehrere Baustellen gleichzeitig anzugehen. Zunächst einmal kann man viele Radwege, die vor 2010 gebaut wurden, eigentlich nur als Altlast bezeichnen. Sie sind baulich in einem desolaten Zustand und vollkommen unzulänglich geplant. Oft machen sie die Situation gefährlicher anstatt sicherer, hier ist dringend eine umfassende Modernisierung nötig.

Darüber hinaus fehlt es in den meisten Städten an eigenständigen Radverkehrskonzepten. So werden Radwege hauptsächlich als Anhängsel von Straßenbauprojekten für den Kfz-Verkehr realisiert. Ob die dann wirklich ein gutes Angebot für Radfahrer sind, spielt selten eine Rolle.
Unter dem Sicherheitsaspekt wäre vor allem eine bessere Gestaltung von Kreuzungen wichtig, denn hier passieren die meisten Unfälle. Wichtig dabei ist: Sehen und gesehen werden! Der Radfahrer muss sichtbar für den PKW und LKW- Fahrer sein.

Für ein Flächenland wie Brandenburg ist auch die Verzahnung des Radverkehrs mit dem ÖPNV, besonders dem Schienenverkehr entscheidend, will man wirklich einen nennenswerten Teil des Verkehrs aufs Rad bringen. Gute Abstellanlagen und ausreichende Kapazitäten in den Zügen, gerade auch zu Stoßzeiten, daran fehlt es allzu oft.
Da in unserem Bundesland viele Städte und Gemeinden nicht in der Lage sind, die Eigenanteile für Förderprogramme selbst aufzubringen, fordern wir in Ausnahmefällen eine 100%-Förderung durch das Land.
Ein Thema liegt mir noch am Herzen und zwar die Radschnellwege. Andere Bundesländer sind da schon viel weiter. In Berlin hat der Senat die Verantwortung für den Bau und Finanzierung der Radschnellwege übernommen, da sollte unsere Landesregierung schnell nachziehen. Das ist vor allem für die Berufspendler wichtig.

Wir fahrradfreundlich schätzen Sie die Region ein? Was ist in den Regionen bereits realisiert worden und gut? Und wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Ich selber komme aus Teltow, habe aber unsere Mitglieder in der Region gefragt. In Rathenow wurde die Situation als recht gut bewertet, herausgehoben wurde da der Havelland-Radweg. In den letzten Jahren wurde in neue Radwege investiert und es scheint, dass die Stadt das Potenzial des Fahrrads erkannt hat.

In Brandenburg/Havel gibt es wohl noch größere Baustellen, ein Radverkehrskonzept für die gesamte Stadt fehlt völlig. Der Tourismus ist für die historische Altstadt ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor – für radfahrende Touristen ist Brandenburg allerdings sehr unattraktiv.

Wofür setzt sich der ADFC Brandenburg besonders ein? Mit anderen Worten: Was sind im Flächenland Brandenburg die dringendsten Aufgaben?

Wir wollen, dass Radfahrer als gleichberechtige Verkehrsteilnehmer wahrgenommen werden und die Mittel der öffentlichen Hand gleichberechtig zwischen motorisierten Verkehr und Fahrradverkehr aufgeteilt werden. Die Landesregierung muss viel mehr als Motor der Fahrradförderung wirken. Dazu gehört, dass sie offensiv Kommunen in die Verantwortung nimmt und unterstützt.

Sie unterstützen auch Klagen. Zuletzt die von Peter Weis, Verkehrsreferent des ADFC Brandenburg. Das Oberveraltungsgericht hat am 14. Februar ein wegweisendes Urteil gefällt: Radfahrer*innen dürfen auf der Fahrbahn fahren und dürfen nicht auf den begleitenden Geh- und Radweg gezwungen werden.
Wie relevant ist dieses Urteil?

Und ist es nicht im Interesse des Radfahrers, den Radweg zu benutzen?
Es ist zunächst einmal vor allem im Interesse des Autofahrers, dass Radfahrer den Radweg benutzen müssen! Denn dann ist die Fahrbahn frei und kann von ihm mit geringer Aufmerksamkeit in aller Ruhe mit der zulässigen Höchstgeschwindigkeit befahren werden.

Es gibt keine Belege dafür, dass die Trennung von Rad- und KfZ-Verkehr die Sicherheit erhöht. Viele Radwege werden als sicher wahrgenommen, sind aber oft gefährlich, gerade an Kreuzungen und Einfahrten. Genau dort werden Radfahrer übersehen, da sie außerhalb des Blickfeldes des Autofahrers sind. 60 % der Unfälle, vor allem die mit schweren Folgen, passieren aber auf diesen scheinbar sicheren Radwegen.

Für den ADFC Brandenburg ist dieses Urteil ganz wichtig, um auch in anderen Fällen unsichere Radwege aus der Benutzungspflicht herauszunehmen. Im Übrigen werden Radwege dann, wenn sie eine gute Qualität haben, auch ohne Benutzungspflicht von mehr als 90% der Radfahrer benutzt, weil die sich dort wohler fühlen. Wir als ADFC sagen daher: Ein guter Radweg braucht keine Benutzungspflicht!

Man hat den Eindruck, die Zahl der schweren Radunfälle in Brandenburg nimmt zu. Ist dieser Eindruck durch Zahlen belegbar? Und wenn ja, worauf führen Sie die Zunahme schwerer Radunfälle zurück?

Nein, insgesamt ist das nicht belegbar. Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir in 2017 mit 23 getöteten Radfahrern fast doppelt so viele hatten wie im Jahr davor. Aber auch in 2014 waren es schon einmal 22. Das sind Schwankungen, die man bei – zum Glück – insgesamt so geringen Zahlen statistisch erwarten muss. Aber in der Wahrnehmung bleibt natürlich jeder schreckliche Unfall hängen, das ist klar.
Was man aber insgesamt für Deutschland sagen kann ist, dass die Zahl der getöteten Radfahrer weniger abnimmt als die anderer Verkehrsteilnehmer. Das kann daran liegen, dass anteilig einfach mehr Rad gefahren wird, oder es kann andere Gründe haben. Untersuchungen hierzu kenne ich aber nicht.

Was können und sollten Radfahrende für ihre eigene Sicherheit tun?

Radfahrer sollten natürlich wie alle Verkehrsteilnehmer mit der nötigen Vorsicht und Rücksicht am Verkehr teilnehmen. Sie sind zwar insgesamt nicht besonders stark gefährdet, aber im Falle eines Unfalls verletzlich, ähnlich wie Fußgänger.
Es gibt drei Kardinalfehler, die ich immer wieder sehe, und die man sich wirklich abgewöhnen sollte, weil man sich selbst und andere gefährdet.
Da ist zunächst das Befahren von Geh- und Radwegen in die falsche Richtung. Ich nenne sie die „Geisterradler“. Gehwege sind ja sowieso nach StVO tabu, und das ist auch rücksichtslos und gefährlich da zu fahren. Aber wer zusätzlich in der falschen Richtung unterwegs ist, gefährdet sich erheblich selbst. Denn an der nächsten Einmündung rechnet niemand mit einem Radfahrer, der von rechts kommt.
Zweitens zu geringer Abstand zum Seitenraum, vor allem zu parkenden Autos. Wir haben immer wieder sogenannte „Dooring-Unfälle“, bei denen Radfahrer  in plötzlich geöffnete Autotüren fahren und sich schwer, manchmal auch tödlich verletzen. Zu parkenden Autos ist ein Abstand von 1 – 1,5m erforderlich.
Und drittens ein trügerisches Sicherheitsgefühl auf Radwegen. Auch dort ist jede Einmündung und jede Kreuzung ein Gefahrenpunkt und erfordert volle Aufmerksamkeit.
Ansonsten gilt: Nach außen selbstbewusst, nach innen gelassen, damit kommt man ganz gut durch.

Das Interview ist in gekürzter Fassung erschienen am 30. Juni 2018 in: Wochenspiegel (letzte Seite). Das Interview führte Maria Kröhnke.

 

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