Gemeinsam für die „Vision Zero“ in Berlin und Brandenburg

Wie können schwere Lkw-Unfälle mit Radfahrenden verhindert werden?

Cottbus, 23. August 2017, 7:30 Uhr: Die Ampel zeigt grün, eine 29-jährige Radfahrerin fährt geradeaus, der 23-jährige Lastwagenfahrer biegt rechts ab, übersieht die Frau und überrollt sie. Sie erliegt noch am Unfallort ihren schweren Verletzungen.

Szenen wie diese wiederholen sich viel zu oft in Berlin und Brandenburg. Im  Zeitraum von 2008 bis 2016 verloren in Berlin auf diese Weise 30 Menschen ihr Leben. Das macht ein Drittel aller tödlichen Radunfälle der Bundeshauptstadt insgesamt aus.

Unfallzahlen im Land Brandenburg

Im Land Brandenburg wurden allein im Zeitraum 2012 bis 2016 bei Unfällen mit Lkw 217 Radfahrende schwer verletzt und 25 verloren ihr Leben (von 90 Todesfälle insgesamt). Der Blick auf die Einzelschicksale macht betroffen: In Potsdam zum Beispiel verloren eine 19- und eine 23-Jährige ihr Leben. In Luckenwalde und Oranienburg ereigneten sich die tödlichen Lkw-Unfälle jeweils im Abstand von etwa einer Woche. Es würde also im wahrsten Sinne des Wortes Leben retten, wenn die Unfälle zwischen abbiegenden Lkw und Radfahrenden reduziert werden könnten. Um Leben zu retten, müssen Unfälle zwischen abbiegenden Lkw und Radfahrenden unbedingt verhindert werden. Fernziel ist die „Vision Zero“, also keine Verkehrstoten, zu der sich das Land Brandenburg offiziell bekannt hat.

Ursachenforschung

Die Ursachen für die schweren Lkw-Unfälle sind vielfältig: Erstens menschliches Versagen in Kombination mit falsch eingestellten Spiegeln. Zweitens unübersichtliche oder baulich fehlerhafte Kreuzungen. Drittens Zunahme von Schwerlastverkehr innerorts gleichzeitig mit wachsendem Radverkehr.

Auch wenn die Schuld an diesen tödlichen Abbiegeunfällen fast immer bei den Lkw-Fahrern liegt, sollen sie nicht an den Pranger gestellt werden. Einen tödlichen Unfall zu verursachen kann Traumatisierungen bis hin zur Berufsunfähigkeit nach sich ziehen. Zusätzlich drohen Verurteilungen wegen fahrlässiger Körperverletzung oder Tötung.

Lösungsansätze

Es kann also nur darum gehen, das Problem der schweren Abbiegeunfälle gemeinsam anzupacken.
Zunächst muss dafür gesorgt werden, dass die Spiegel korrekt eingestellt sind. Da ein Lkw-Fahrer das manuell machen muss, kostet es ihn viel Zeit. Eine elektrische Einstellung würde das Problem verringern. Bei richtig eingestellten Spiegeln gibt es keinen toten Winkel. Aber eine Kreuzung ist laut Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer (UDV) immer noch eine große Herausforderung: „Der Fahrer muss nicht nur zur rechten Zeit in den richtigen Spiegel blicken, er muss auch multitaskingfähig sein und in einer Art ‚Split-Screen-Blick‘ verschiedene Bewegungsabläufe zu einem richtigen Ganzen zusammensetzen.“ (www.udv.de) Deshalb fordert der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) seit Jahren den generellen Einbau von Abbiege- und Bremsassistenten in Lkw, die mithilfe von Sensoren die Fahrer auf andere Verkehrsteilnehmer hinweisen und notfalls ein Fahrzeug auch automatisch abbremsen können. Die UDV setzt auf ein Nachrüstsystem, das mit Hilfe von zwei Kameras dem Fahrer den gesamten Lkw-Zug aus der Vogelperspektive zeigt. Die technischen Lösungen existieren also. Nun ist die Politik gefragt, solche Systeme endlich verpflichtend vorzuschreiben.

Schwerlastverkehr innerorts reduzieren

Mittelfristig müssen gefährliche Kreuzungen baulich verändert werden und insgesamt mehr Forschung und Mittel in die jeweils am besten geeignete Radverkehrsinfrastruktur investiert werden. Langfristig müssen wir auch Lösungen finden, wie der Schwerlastverkehr innerorts reduziert werden kann. Denn ein steigender Anteil des Radverkehrs in unseren Städten und Gemeinden ist sinnvoll und gesellschaftlich erwünscht. Das sollten die Radfahrenden jedoch nicht mit ihrer körperlichen Unversehrtheit bezahlen müssen.

Schließlich sollte man sich als radfahrender Mensch des Kräfteungleichgewichts im Verhältnis zu Autos und Lkws bewusst sein und dementsprechend immer mit dem Fehlverhalten der anderen Verkehrsteilnehmenden rechnen. Man sollte stets darauf achten, gesehen zu werden und im Notfall sogar auf die eigene Vorfahrt verzichten. Auto- und Lkw-Fahrer sind aber genauso dazu verpflichtet, Rücksicht zu nehmen und z.B. einen Mindestabstand von 1,5 m zu Radfahrenden einzuhalten. Am schönsten fasst es Paragraf 1 der StVO zusammen: „Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.“

Lea Hartung, Geschäftsführerin des ADFC Brandenburg e. V.

Danke an Daniel Pepper (ADFC Berlin) und den Landesbetrieb Straßenwesen Brandenburg für die Unfallzahlen.

Dieser Artikel erschien in gekürzter Form in der Radzeit 4/2017.

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